Zeitkapsel
Plattenbauwucherung so weit das Auge reicht
Der Rand des Himmels füllt sich mit blauem weichem Sand
Die polaren Spannungen des Daseins, die erschöpfte Existenz der Lebenden
Das humane Experimentierfeld, die hypnotische Wirkung der Sinnlosigkeit
Wagenrennen mit Airbag und Navi, Schlipsträger verharrt in Denkerpose,
Daten-Zombies, die ins Leere starren und nach Plastiksternen greifen,
Prostituierte, die sich über die Vorzüge des Mozzarella unterhalten,
Gören ohne Geldsorgen, Frauen in Fetzen, die sich in der Dusche ertränken,
Weinerliche Vorstadt-Rassisten, die sich die Welt auf Kleingartengröße wünschen,
Koksende Polizisten, Journalisten mit dem eigenen Blut auf der Kamera,
Böller, Brandsätze, Sprengkörper, Kinder unter goldfarbenen Rettungsfolien,
Verkohlte Betten, in Qualen verrenkte Körper, die Kopfhaare verschmort,
Ein rußiges Gekröse, die Augäpfel verkocht, die Haut auf Brust und Bauch
Zu einem ledrigen Panzer verbrannt, die Finger zu Krallen verkrümmt
Kein Blick ist ein Blick, der Himmel ist nichts als Himmel ...
Langsam blättert eine Zeitung ihre Todesanzeigen auf ...
Denis Ménochet, der sehenden Auges in ein Auto lief und seither an Krücken geht,
Rupft sich das letzte Haar aus der Kopfhaut, als wolle er einen Kosmos von
Kleinlebewesen vertreiben, ein Taxi wirft ihm verbranntes Benzin ins Gesicht
Der Himmel zerfällt wie eine langsame Lawine
Zu einem immer dicker werdenden Rand aus weichem blauem Sand ...
Bérénice hatte langes welliges Haar, nichts ist ihm jemals wieder so durch die
Hände geflossen, solche Haare hatte er im Lager gesehen, in der Todesfabrik,
In einer Halle, in der abgeschnittene Zöpfe, Locken und Büschel lagen,
Zu einem Haufen zusammengeworfen oder in Leinensäcke gestopft,
Rohmaterial für Matten, Perücken und Matratzen ...
Die Haut, die zuerst zerriss, war die Tür, ein gewöhnlicher Kleinbürgertag,
Im Morgengrauen waren sie gekommen, die Schlächter und Folterknechte,
Blonde glatthaarige Bürgersöhne, die Schuhe eingeschmiert mit dem Bauchfett
Der Getöteten, um den Hals als Kette die abgeschnittene Finger von Kleinkindern
Heimtückischer Gestapogeruch, stahlbekappte Stiefel, Knüppelhiebe
Unter einer Maske aus geronnenem Blut war er in einer Zelle aufgewacht
Nach dem Krieg hat er in umgepflügten Städten nach ihr gesucht
Sie war in einem Krematorium verraucht ...
Sein Mantel hat die Farbe des zerstörten Himmels,
Seine Finger die des weichen blauen Sandes


Ozonloch
Bewölkt bis bedeckt, vereinzelt fällt etwas Regen
Turmhohe Wände aus grünem Granit, Katzengeruch, Staubexplosionen
KZ-ähnliche Betonwürfel mit identischen Zellen, Asphaltwiesen, Ozonfetzen
Fünfzig Stockwerke, chromblitzende Aufzüge, Paternoster hinter Glas
Schwere Schreibtische mit kauernden Sklaven als Tischbeine
Der alles beherrschende Geist des Neoliberalismus, die Gier der Eliten
Dringt wie zersetzendes Nervengift bis in die feinsten Kapillaren des Gefühls
Der Weltinnenraum des Kapitals, die Blackbox des Bösen, der schwarze Container
Soziale Vergiftung, psychische Beraubung, entzogene Kommunikation
Stiefeln und Kicken im Sekundentakt in der videoüberwachten Bahnstation
Irgendwer zertrümmert eine Sektflasche auf dem Kopf des Kioskverkäufers
Ein schreiendes Mädchen rennt mit durchschnittener Kehle über die Straße
Provinz-Rassisten und Pullenzerschlager stehen leer und vergiftet herum
Hin und wieder wird einer von ihnen am Morgen tot aufgefunden
Sie überfallen eine alte Frau, zweiundachtzig Jahre alt, gefangen im Netz
Ihrer Falten, zu beiden Seiten Plastiktüten fest an sich gepresst
Sie muss ihre Blase entleeren, nachgebend uriniert sie, wo sie sitzt
Ihr Gesicht ist aufgegebenes Gebiet, Kinder schmeißen mit Steinen nach ihr
Eine tränenverklebte Frau, die sich an das klammert, was ihr geblieben ist,
Ein großer schwarzer Käfer mit rundem Rücken, hingebückt, ins Dunkel gekniet,
Von einem Schwarm Ameisen überblüht, die an den weichen Stellen nagen,
An den Gelenken und an den Augen, die das weiche Käferfleisch wegreißen ...
Ein strubbeliger Dreiradfahrer, auf dem Kopf sieben Indianerfedern,
Fährt eifrig kurbelnd auf sie zu und klingelt sie an ...
Früher war sie bei der Eisenbahn, schon seit langem ist sie verwitwet
Ihre Kinder besuchen sie nicht mehr, sie hat nicht einmal ihre Adresse
Für ihre Altbauwohnung gibt es bereits Interessenten
Die Lebenden, ungeduldig mit den lange Sterbenden
Die Sterbenden, neidisch auf die Lebenden, auf die Jungen,
Die bis zu den Zähnen mit Zeit bewaffnet sind ...
Man bringt sie ins Krankenhaus, tiefgefrorene Stimmen
Die Ärzte diskutieren zwei Minuten, länger nicht
Sie wird eingeschläfert, beerdigt, festgetreten
Der Menschenapparat, das Inferno der Gleichgültigkeit
Niemand rührt sich, niemand kommt ...


Treibsand
Von Küste zu Küste dümpeln die Wohnwagen
Die Möwen schreien wie zankende Schulkinder
Puderzuckerweißer Postkartenstrand, ein wetterzerrüttetes Restaurant
Mückenstichhotels, vergilbte Markisen, peinlich üppige Frühstücksbuffets
Organisierter Geschlechtsverkehr, Bettwanzenbisse, Sex in der Box
Wimpelwedelnde Handtuchkrieger im Kokon ihrer Mittelklasse-Erlebnisarmut
Ausgepumpte Animateure, wortkarge Einheimische, verlorenenes Frachtgut
Der Strand ist stumm bis auf ein vergessenes Kofferradio
Ein mit Öl beschmierter Pelikan schreit wie ein gequältes Kind
Kronkorken, Reste von Grillkohle, rund gewaschene Glasscherben
Müllstrudel, Plastikteppiche, zart leuchtende Chemikalien, silberner Schleim
Unter den Schritten knirschen grün schillernde Strandkrabben
Am Horizont ziehen protzige Yachten wie Lichtinseln vorbei
Jean Rochefort, arbeitsloser Sportzeitschriften-Redakteur, der seiner Frau
In einem Anfall von rasendem Zorn den Kopf mit dem Golfschläger
Gespalten hat, starrt auf die unaufhaltsame Maschinerie des Meeres,
Auf die sich regelmäßig wiederholenden Explosionen der Wellen,
Auf das tosende Gebirge, das sich rhythmisch erhebt und niederstürzt
Wie ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel wirft er eine Flaschenpost
Nach der anderen ins Meer, nur um zu erleben, dass eine
Dämonische Welle ihm alle Flaschen wieder vor die Füße spült ...
Eine Bö schleudert eine Möwe hoch, bricht ihr die Schwingen
Und wirft einen Klumpen Fleisch ins Wasser zurück ...
Ein Blick auf die Uhr, auf diesen absurden Mechanismus
Mit den zwei Zeigern, die um dieselbe Achse kreisen ...
Die Zigaretten sind aufgeweicht, sein Herz weiß, dass es bluten muss ...
Rochefort ringt nach Atem, steht auf, stolpert zurück zur Straße,
Rast mit überhöhter Geschwindigkeit über regennasse Serpentinen
Mittelstreifen im Scheinwerferlicht wie Leuchtspurgeschosse
Entgegenkommendes Licht reißt ein Stück Wald aus der Dunkelheit
Rochefort schließt für einen Moment die Augen und tritt aufs Gaspedal
Eine Eisenstange im Schatten einer Betonbrücke, ein dumpfer Schlag
Rochefort stirbt an der Unfallstelle, kurz vor Sonnenaufgang, zerquetscht
Im Blechhaufen seines Autos, die Straße ist für mehrere Stunden gesperrt
Zurück bleiben endlose Wiesen, deren Gras sich im leichten Wind bewegt


Flammenwerfer
Der Himmel hängt tief, die Autos schwimmen auf dem Rücken
Elektrische Redakteure, verkabelte Gehirne, sterbende Kugelschreiber
Schlagzeilen in Signalrot in der Druckmaschine heiß herausgebacken
Der alternativlose Neoliberalismus, die bizarr amoralische Unwucht,
Die postdemokratische Ignoranz, die wilde Bestie Beschleunigung,
Die Vertreibung des Menschen und des Menschlichen, der tägliche
Nahkampf, der jede Regung des Gewissens und des Mitleids abtrainiert
Gurgelnd tropft das Wasser durch die Kaffeemaschine ...
Michaël Youn, weit fortgeschritten im Leben jenseits der Illusionen,
Ein dumpf brütender Koloss, ein Mensch nach dem Menschen,
Der nur noch im Wort wohnt, aber nicht mehr in der Welt, hackt mit blutenden
Fingern Tausende von Seiten in den Computer, zieht sich die Nagelhaut von
Den Fingern und schneidet sich Texte aus dem Fleisch seines Verstandes,
Wie er sich vor dem Spiegel einen Tumor herausschneiden würde
Worte wie Nägel, die er in die Wand schlägt, Worte, die an seiner Haut kleben
Und ihn langsam vergiften, Worte wie Sekrettropfen, von den Drüsen seines
Leibes abgesondert, aus den Lungen gehustet, aus den Hoden extrahiert,
Aus dem Bauchfett gesaugt, aus den Schlagadern gespritzt ...
Youn schreibt nackt, schreibt mit fiebernden Fingerbewegungen aus dem Exil,
Schreibt mit Blut über die federleichte Bauweise des Erdballs, über das
Strohfeuer der Sterne, die Anfälligkeit der zu Sand verfliegenden Gebirge,
Die Flüchtigkeit der Meere, die zu Wolkenspiralen verdampfen,
Über die sich unaufhaltsam verdunkelnde Welt, über den ewigen Kreislauf
Von Machtrausch und Unterwerfung, Zerfall und Niedertracht
Youn, der Besen im System, zieht mit dem Finger eine Linie in den Staub,
Zwirbelt die Sprache, prügelt sie windelweich, schüttet Wortungetüme auf,
Bis das Alphabet knirscht, zerlegt den Feind, präpariert ihn, präsentiert
Ihn wie ausgestopftes Wild und träumt von der Kraft der Zeit,
Die nicht nur alle Spekulanten und Lobbyisten, Zocker und Blender,
Sondern alle Herrschaft von Menschen über Menschen zermürben
Und in eine heitere Gemeinsamkeit verwandeln würde ...
Die Erde bleibt unberührt, im Morgennebel schmelzen die Bilder
Youn denkt an die Zeit, als die Nacht mit ihm ins Gebirge stieg
Und der Tag mit ihm Löcher in die Wüste grub ...
Eine Zeit, die jetzt in verstaubten Büchern steht ...